Stipendium Plus
© Heidi Scherm. Quelle: sdw
© Heidi Scherm. Quelle: sdw

90 Jahre, 90 Köpfe

Die Studienstiftung des deutschen Volkes feiert 2015 ihren 90. Gründungstag: Seit dem 29. Januar 1925 fördert sie – mit 14-jähriger Unterbrechung zwischen 1934 und 1948 – Studierende, deren Begabung und Persönlichkeit besondere Leistungen im Dienst der Allgemeinheit erwarten lassen. Mehr als 60.000 junge Menschen hat sie insgesamt im Laufe ihrer Geschichte begleitet. Ihren 90. Gründungstag hat die Studienstiftung zum Anlass genommen, im Rahmen der Serie „90 Jahre, 90 Köpfe“ die vielfältigen Biographien in den Blick zu nehmen, die hinter diesen Zahlen stehen – und stellt nach und nach 90 ehemalige Stipendiatinnen und Stipendiaten auf ihrer Website vor. Eine von ihnen ist die Kapitänin Seedje Katharina Fink.

135 Jahre dauerte es, bis die Traditionsreederei Hamburg Süd eine Frau hinters Steuerrad stellte: 2006 steht mit Seedje Katharina Fink erstmals ein weiblicher Kapitän auf der Kommandobrücke und lenkt das Containerschiff die Elbe hinab. Noch immer sind Frauen als Führungskräfte in der Schifffahrt die Ausnahme. Fink hatte jedoch lediglich zu Beginn ihrer Laufbahn noch das Gefühl, sie müsse die Arbeiten besser erledigen als ihre männliche Kollegen: „Inzwischen sind die Herausforderungen eher berufsspezifisch als geschlechtsspezifisch. Der Beruf erfordert einfach immer aufs Neue viel Flexibilität“, erzählt die 40-Jährige. Als Kapitänin muss sie sich ständig auf neue Situationen und Menschen einstellen und zügig Entscheidungen treffen. „Eine nachträgliche Korrektur ist oft nicht möglich. In solchen Situationen ist ein gutes Team an Bord eine große Unterstützung“, sagt Fink, die zurzeit das Ausbildungsschiff der Reederei Hamburg Süd führt.

Seedje Katharina Fink

Vier Monate ist sie am Stück auf See, fort von Freunden und Familie. Heimweh allerdings war für sie noch nie ein großes Thema: „Ich fühle mich sowohl auf dem Schiff als auch daheim wohl und habe sozusagen ein stationäres und ein mobiles Zuhause.“ Aber auch Fernweh treibt sie nicht um: „Selbstverständlich interessiert es mich, besondere Flecken unserer Erde kennenzulernen und zu genießen, was es alles Wunderbares zu entdecken gibt, aber das Gefühl, anderswo etwas zu verpassen, die Unruhe und Rastlosigkeit, von einem Ort wegzustreben, die so typisch für Fernweh sind, kenne ich nicht.“ 

Mit 16 auf einen russischen Großsegler

Aufgewachsen im niedersächsischen Steinau bei Cuxhaven, liebt sie schon als Kind das Wasser. Mit ihrer Familie segelt sie in den Sommerferien auf dem elterlichen Boot durch die schwedischen Schären – traumhafte Kindheitserinnerungen und der Grundstein für ihre Leidenschaft und den späteren Beruf.

Als 16-Jährige fährt Seedje Katharina Fink für zwei Wochen an Bord des russischen Segelschulschiffes „Mir“ mit und klettert bis in die Spitze des höchsten Mastes. Angst hat sie keine. Ihr Berufswunsch nimmt indes immer konkretere Formen an. Die Sommerferien zwischen der 12. und 13. Klasse nutzt die Schülerin, um auf dem Küstenmotorschiff „Wega“ der Reederei Wegener in die Schifffahrt hinein zu schnuppern. In der Reederei lässt sie sich nach dem Abitur zur Schiffsmechanikerin ausbilden – und ist dabei fast immer die einzige Frau an Bord.

Im Anschluss studiert sie drei Jahre in Elsfleth an der Unterweser Nautik, um Kapitänin zu werden: „Die sehr abwechslungsreiche, aber auch anspruchsvolle Kombination aus den technischen, aber dabei immer dem Einfluss von Natur und Umwelt unterworfenen Aufgaben des ,Schiff-Fahrens', der Menschenführung und der Leitung eines weitgehend autarken und dabei überschaubaren Betriebes haben mich sehr gereizt.“

1996 zählt Fink zu den ersten Jahrgängen in der Förderung von Fachhochschulstudierenden der Studienstiftung und nimmt hier an einer Reihe von FH-Treffen, Sprachkursen und Akademien teil. „Da ich an einem kleinen Hochschulstandort mit nur einem Fachbereich ein durch den hohen Vorlesungsumfang eher verschultes, sehr berufsorientiertes Studium absolviert habe, hat mir die ideelle Förderung Zugang zu interdisziplinären Veranstaltungen, die Auseinandersetzung mit weit über mein Fachgebiet hinausreichenden Themen und den Kontakt mit Kommilitonen der verschiedensten Fachrichtungen ermöglicht“, sagt sie.

Besonders gern erinnert sich Seedje Katharina Fink an ein Erlebnis während der Sommerakademie der Studienstiftung in La Villa 1998 zurück: „Wichtiger als jegliche Individualleistung war der Teamgeist, der sich beispielsweise bei einer kleinen Feierabend-Bergwanderung äußerte. Als Flachländerin wusste ich, dass ich mit dem Tempo zweier gut trainierter Kommilitonen nicht hätte mithalten können und wollte daher auf die Tour verzichten, um ihnen nicht den Spaß an einer zügigen Wanderung zu verderben. Ich wurde sehr nachdrücklich überredet, doch mitzukommen, und mit großer Rücksicht auf mein Tempo auf den Berg ,gelotst'.“ 

Engagiert in der Auswahlarbeit der Studienstiftung

In ihrer Förderzeit sind intensive Freundschaften entstanden, die bis heute andauern. „Durch die zunehmende Aktivität der Alumni und die Verschiedenartigkeit der in diesem Rahmen angebotenen Veranstaltungen ergeben sich auch immer wieder neue Anregungen, so dass das Stipendium bis heute fortwirkt und sicherlich einen deutlichen Einfluss auf meine persönliche Entwicklung hatte und weiterhin hat“, fügt die Nautikerin hinzu.

„Dabei begann die Förderung eigentlich bereits mit dem ersten Einzelgespräch während meines Auswahlseminars: Mein Gegenüber kam aus einer völlig anderen Fachrichtung, ließ sich aber von meiner Begeisterung für mein Berufsziel und mein Studium mitnehmen. Ich erinnere mich, wie wir intensiv über die Gestaltungsmöglichkeiten und Herausforderungen in meinem zukünftigen Beruf diskutierten. Das Gespräch war ein echter Austausch und hatte so gar nichts von einer Prüfung. Die Verabschiedung gab mir viel Mut, meinen Weg weiterzugehen und unabhängig von möglichen äußeren Hindernissen meine Ideen in die Tat umzusetzen. Das Gespräch hat viel in mir bewegt und mich auf meinem weiteren Werdegang begleitet.“

Seedje Katharina Fink engagiert sich heute selbst in der Auswahlarbeit der Studienstiftung. Wann immer sie Landurlaub hat, nimmt sie an einem der Seminare teil: „Jedes Auswahlseminar ist eine einzigartige spannende Erfahrung, die viel innere Flexibilität und Energie verlangt, mich dafür aber auch immer mit neuen Ideen und Anregungen nach Hause gehen lässt und damit weit über das Wochenende hinaus wirkt.“

Pazifik und Westküste als Lieblingsorte??

Routine im Arbeitsalltag ist ohnehin für die Kapitänin ein Fremdwort. Fast jeden Morgen wacht sie an einem anderen Ort auf. Ihr Tagesablauf richtet sich danach, wo sich ihr Arbeitsplatz gerade befindet und was sich rund ums Schiff abspielt. Als die „Berufs-Globetrotterin“ hat Seedje Katharina Fink viel von der Welt gesehen, zu ihren „Hotspots“ gehören der Pazifik und die Westküste Südamerikas: „Lange Seetörns, ein Ozean, der auch zu Zeiten der Satellitennavigation noch navigatorisches Denken und Routenplanung mit den Elementen Wasser und Wind erfordert, die Westküste mit ihrem reichen Tierleben und vielen eher kleinen und interessanten Häfen, dazu verschiedene Klimazonen und nicht nur die Tropen“, beschreibt sie ihre Vorliebe.??

Gern würde sie eines Tages mit ihrem Containerschiff ums Kap Hoorn oder durch die Magellanstraße fahren. Auch der Panamakanal reizt sie, der jedoch bis zur Fertigstellung des Kanalausbaus zu schmal für ihr jetziges Schiff ist. Als Passagierin ein Schiff zu betreten, ist für Seedje Katharina Fink kaum vorstellbar: „Allenfalls eine Hurtigrouten-Tour oder Fahrten in Richtung Antarktis oder Arktis sind denkbar.“ Und wenn sie irgendwann einmal wieder mehr Zeit hat, will sie wieder segeln: „Die Schären stehen da ganz oben, mit ihnen verknüpfe ich viele wunderbare Kindheitserinnerungen. Die gesamte Serie „90 Jahre, 90 Köpfe“ mit allen bisher veröffentlichten Porträts – sowie das ausführlichere Porträt von Seedje Katharina Fink – finden Sie unter: www.studienstiftung.de/90-jahre-90-koepfe/


Hier gelangt ihr zu den anderen Einblicken des Monats:

November 2015: Große und kleine Transformationen 

Oktober 2015: Universität für Flüchtlinge

September 2015: Vereinbarkeit von Studium, Ehrenamt und Familie dank der Unterstützung durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung

August 2015: DAS JOURNALISTISCHE FÖRDERPROGRAMM DER HANNS-SEIDEL-STIFTUNG 

Juli 2015: Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen.  Eine Perspektive zweier Stipendiatinnen des Avicenna-Studienwerks 

Juni 2015: Chen Jerusalem, Alumnus des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks über sein Studium und seine Abschlussarbeit „Cover the Body with Feelings“ 

Mai 2015: Erstes Absolventenkonzert mit Stipendiatinnen und Stipendiaten aus der Musikerförderung des Cusanuswerks

April 2015: Mitbestimmen und über den Tellerrand schauen — das Evangelische Studienwerk ermöglicht neue Perspektiven

März 2015: Den Gründergeist schon während des Studiums entdeckt

Februar 2015: Bericht von Ronny Zimmermann, Stipendiat der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung

Januar 2015: Das FES-Bildungsprogramm von und für Stipendiat_innen 

Dezember 2014: Begabtenförderung der Friedrich-Naumann-Stiftung

November 2014: STUDIENSTIFTUNG ZEICHNET BESONDERES ENGAGEMENT AUS: MAXIMILIAN OEHL ERHÄLT DEN „WEITER?GEBEN!“-PREIS 2015

September 2014: Mein Weg zur Hans-Böckler-Stiftung und die Förderung der Stiftung

August 2014: Materielle und ideelle Ermöglichung zum Andersdenken mit einem Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Juli 2014: Kleine Klassen, echte Profis als Lehrer

Juni 2014: WEITER HORIZONT, ENGE GRENZEN? – Austausch ohne Grenzen in offenes Netzwerk als Teil der „Villigster Gemeinschaft“

Mai 2014: Bericht von Nina Schießl (Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk)

April 2014: Aufbrechen zu neuen Zielen. Mit den Begabtenförderwerken in die Welt. (Bericht von Maria Dillmann, Cusanuswerk)

März 2014: muslimisch – talentiert – engagiert. Avicenna-Studienwerk startet mit der ersten Bewerbungsphase

Februar 2014: "Bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft kommen Studierende aus allen Fachrichtungen zusammen"

Januar 2014: Studieren und Promovieren mit einem Kind oder – man mag es kaum glauben - sogar mehreren Kindern? (Bericht von Helen Schmitt-Lohmann und Laura Solzbacher, Konrad-Adenauer-Stiftung)

Dezember 2013: Ein Tag aus meinem Leben als Stipi von Tina Jung, Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung

November 2013: Abschlussbericht von Olivia Güthling, Altstipendiatin der Friedrich Naumann-Stiftung

 

Avicenna Studienwerk
Cusanuswerk e.V.
Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk
Evangelisches Studienwerk e.V. Villigst
Friedrich-Ebert-Stiftung
Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit
Hans Böckler Stiftung
Hanns Seidel Stiftung
Heinrich Böll Stiftung
Konrad Adenauer Stiftung
Rosa Luxemburg Stiftung
Stiftung der deutschen Wirtschaft
Studienstiftung des deutschen Volkes