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© Heidi Scherm. Quelle: sdw
© Heidi Scherm. Quelle: sdw

Einblick Monat August 2017 – Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk

ELES – ein Ort für Machloket (Streitbarkeit)

von Hannah Peaceman

Es gibt vielleicht keinen anderen Kontext, als meine Zeit im Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES), während der ich mich so oft, so intensiv, so fruchtbar, so furchtbar und so gern gestritten habe.

Wer sind wir Jüd*innen in Deutschland? Welche Rolle spielt das Judentum als Religion im Studienwerk? Gibt es Raum für feministische Praxis? Wie kontrovers darf ich als Jüdin über die Politik Israels streiten? Welche Themen sollten im ELES unbedingt diskutiert werden? Was sind ausschließende Momente der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, aber auch im ELES? Verbindet uns unser Jüdischsein mehr als unsere politischen Differenzen uns trennen? Wie positioniere ich mich öffentlich als kritische Jüdin, auch gegen den Rassismus in den eigenen Reihen? Solche und viele weitere Fragen mehr haben mich umgetrieben und tun es bis heute.

Als ich 2010 mein Studium im Fach Philosophie im beschaulichen Marburg begann, war ich in einer netten, homogenen Student*innenstadt gelandet. Mit einem Jahr Unterbrechung in London fand ich mich für meinen zweiten Master in einer noch beschaulicheren homogenen Kleinstadt wieder, in Jena. Keine Überraschung, es gab dort so gut wie keine Jüd*innen. Die Fahrten nach Berlin und Frankfurt zu den Kollegs von ELES wurden bald eine Regelmäßigkeit und markierten zwei Welten: eine nicht-jüdische Uni Welt und den jüdischen ELES Kontext.

Bei den Veranstaltungen der ideellen Förderung des Studienwerks lernte ich das erste Mal Jüd*innen kennen, die ähnlich wie ich, wenig mit Gemeindestrukturen und Religion am Hut hatten, aber sich dafür umso mehr für jüdische Geschichte, Philosophie und Politik interessierten. Aufgrund unserer gemeinsamen Interessen, aber auch weil wir viele Erfahrungen teilten – z.B. als einzige Jüdin eine Schule zu besuchen, Migrationsgeschichten in der Familie, Antisemitismuserfahrungen und ein Schweigen darüber – entwickelten sich schnell Freundschaften und Gesprächsfäden, die zwar keinen Alltag hatten, aber immer wieder Anknüpfungspunkte boten. Sie sind seit 2010 stetig gewachsen und waren stets geprägt von Auseinandersetzungen – ganz im Sinne der jüdischen Tradition Machloket (Streitbarkeit).

In den ersten Jahren des Studienwerks fanden die Gespräche, die wir im ELES geführt haben, oftmals hinter verschlossenen Türen statt. Der jüdische Kontext bot einen Schutzraum, Familiengeschichten zu erzählen, die Erfahrungen mit der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft zu teilen, und Widersprüche innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland zu diskutieren. Dieser Schutzraum war wichtig, um sich außerhalb des nicht-jüdischen deutschen Kontexts, in dem Jüd*innen fast immer in Relation zur Shoah gedacht werden, endlich eigenen Fragen zu stellen.

Darüber hinaus haben die ELES-Kollegs mein Wissen in jüdischer Geschichte und Gegenwart sehr vergrößert. Im Anschluss an mein Studium, habe ich im April 2016 meine Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Weber-Kolleg, Universität Erfurt, angetreten. Dort  promoviere ich zu „Jüdischer politischer Philosophie im 19. Jahrhundert und bis zur Shoah in der deutschsprachigen Diaspora“. Das Thema meiner Dissertation hat sich aus der Wechselwirkung meines Studiums und meiner Zeit bei ELES entwickelt.

Durch meine Streitgespräche habe ich bei ELES viele (jüdische) kritische Denker*innen kennen gelernt. Mit einigen von ihnen habe ich im Jahr 2016 die Zeitschrift „Jalta. Positionen zur jüdischen Gegenwart“ gegründet. Die Auseinandersetzung mit jüdischen Perspektiven in der Post-Migrationsgesellschaft hat gerade begonnen – die Diskussionen, die ich im ELES geführt habe und hoffentlich noch weiterführen werde, prägen mich auch in diesem Kontext sehr. Mit „Jalta“ bauen wir ein Forum auf, das die Türen öffnet und die jüdische und die nicht-jüdische Öffentlichkeit mit streitbaren (selbst-) kritischen jüdischen Stimmen konfrontiert. „Jalta“ soll außerdem Raum bieten, in dem in Deutschland lebende Minderheitengruppen ins Gespräch kommen und sich solidarisieren können.

Das ELES ist ein Ort, der jungen Jüd*innen in Deutschland die Möglichkeit bietet, sich mit jüdischen Themen auseinanderzusetzen, sich der Diversität ihrer Identität zu stellen. Noch viel wichtiger: ELES ist ein Ort, der eine Grundlage für politische Allianzen schafft. Ganz im Sinne des Namengebers Ernst Ludwig Ehrlich sel. A., können hier Positionen diskutiert und Themen verhandelt werden, die für die Zukunft der vielfältigen jüdischen Gemeinschaft in der Post-Migrationsgesellschaft von Bedeutung sind, in der Menschen ohne Angst verschieden sein können sollten.

Hannah Peaceman, geboren 1991, studierte Philosophie, Politikwissenschaften und Gender Studies in Marburg, London und Jena. Sie promoviert am Max-Weber-Kolleg in Erfurt zu dem Thema „Jüdische politische Philosophie in der deutschsprachigen Diaspora vom 19. Jahrhundert und bis zur Shoah“. Von 2010 bis 2016 war die sie Stipendiatin des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks und engagiert sich seitdem als Vertreterin des Alumni-Rats im ELES-Programmausschuss. Sie ist Mitbegründerin und Mitherausgeberin der Zeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart.


Hier gelangt ihr zu den anderen Einblicken des Monats:

Juli 2017: "Puzzlestücke – Wie aus einem Forschungsprojekt in der Mongolei Lebensphilosophie wurde"

Juni 2017: „Bewirb Dich – auch wenn es große Hürden zu geben scheint!“

Mai 2017: "Eine Millionen mal praktische Hilfe für Geflüchtete"

April 2017: "Ein Blick über den Tellerrand"

März 2017: "Deswegen ist es gut, FES-Stipendiat_in zu sein"

Februar 2017: "Ich studiere" klang für mich ähnlich utopisch wie "Ich fliege zum Mars".

Januar 2017: "Als Botschafter setze ich mich für mehr Chancengleichheit in der Bildung ein."

Dezember 2016: „Ein vielfältiges Netzwerk aufbauen“

November 2016: „Ich wollte mich ausprobieren“

Oktober 2016: Bericht von Amina & Corinna

September 2016: Dankbarkeit – ein Bericht von Andreas Wüst

August 2016: Vom Willkommen Heißen zum Ankommen Helfen - Das Flüchtlingslotsenprojekt „Unsere Zukunft. Mit Dir!“

Juli 2016: Denkraum und Diskursmaschine 

Juni 2016: Bericht von Lucas Uhlig

Mai 2016: Als Erster in der Familie studieren? Klar, mit einem Stipendium!

April 2016: Den Geflüchteten ein Gesicht geben

März 2016: Bericht von Franziska Pflaum

Februar 2016: Einblick des Monats

Januar 2016: Einblick des Monats

Dezember 2015: 90 Jahre, 90 Köpfe

November 2015: Große und kleine Transformationen 

Oktober 2015: Universität für Flüchtlinge

September 2015: Vereinbarkeit von Studium, Ehrenamt und Familie dank der Unterstützung durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung

August 2015: DAS JOURNALISTISCHE FÖRDERPROGRAMM DER HANNS-SEIDEL-STIFTUNG 

Juli 2015: Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen.  Eine Perspektive zweier Stipendiatinnen des Avicenna-Studienwerks 

Juni 2015: Chen Jerusalem, Alumnus des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks über sein Studium und seine Abschlussarbeit „Cover the Body with Feelings“ 

Mai 2015: Erstes Absolventenkonzert mit Stipendiatinnen und Stipendiaten aus der Musikerförderung des Cusanuswerks

April 2015: Mitbestimmen und über den Tellerrand schauen — das Evangelische Studienwerk ermöglicht neue Perspektiven

März 2015: Den Gründergeist schon während des Studiums entdeckt

Februar 2015: Bericht von Ronny Zimmermann, Stipendiat der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung

Januar 2015: Das FES-Bildungsprogramm von und für Stipendiat_innen 

Dezember 2014: Begabtenförderung der Friedrich-Naumann-Stiftung

November 2014: STUDIENSTIFTUNG ZEICHNET BESONDERES ENGAGEMENT AUS: MAXIMILIAN OEHL ERHÄLT DEN „WEITER?GEBEN!“-PREIS 2015

September 2014: Mein Weg zur Hans-Böckler-Stiftung und die Förderung der Stiftung

August 2014: Materielle und ideelle Ermöglichung zum Andersdenken mit einem Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Juli 2014: Kleine Klassen, echte Profis als Lehrer

Juni 2014: WEITER HORIZONT, ENGE GRENZEN? – Austausch ohne Grenzen in offenes Netzwerk als Teil der „Villigster Gemeinschaft“

Mai 2014: Bericht von Nina Schießl (Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk)

April 2014: Aufbrechen zu neuen Zielen. Mit den Begabtenförderwerken in die Welt. (Bericht von Maria Dillmann, Cusanuswerk)

März 2014: muslimisch – talentiert – engagiert. Avicenna-Studienwerk startet mit der ersten Bewerbungsphase

Februar 2014: "Bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft kommen Studierende aus allen Fachrichtungen zusammen"

Januar 2014: Studieren und Promovieren mit einem Kind oder – man mag es kaum glauben - sogar mehreren Kindern? (Bericht von Helen Schmitt-Lohmann und Laura Solzbacher, Konrad-Adenauer-Stiftung)

Dezember 2013: Ein Tag aus meinem Leben als Stipi von Tina Jung, Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung

November 2013: Abschlussbericht von Olivia Güthling, Altstipendiatin der Friedrich Naumann-Stiftung

 

 

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