Stipendium Plus
© Heidi Scherm. Quelle: sdw
© Heidi Scherm. Quelle: sdw

Einblick des Monats August 2019

Pircivan Kalik, Stipendiat des Evangelischen Studienwerks Villigst: Die Mischung macht es aus

Ich heiße Pircivan, bin 22 Jahre alt und studiere Wirtschaftswissenschaften im sechsten Bachelorsemester an der Universität Bielefeld. Seit Beginn meines Studiums werde ich vom Evangelischen Studienwerk e.V. Villigst gefördert.

Bis noch vor kurzer Zeit dachte ich beim Wort "Stipendium" an amerikanische Teenie-Filme wie "High School Musical", in denen Schülerinnnen und Schüler versuchen, zur Entdeckung ihrer Persönlichkeit ein besonderes Talent aufzubauen, sodass sie sich ein Studium leisten können. Relativ am Anfang meiner Oberstufenzeit fand an meiner Schule eine Veranstaltung zum Thema "Studiumsfinanzierung" statt, an der ich auch teilnahm. Den Begriff "BAföG" kannte ich bereits und den Begriff "Stipendium" habe ich wie gesagt immer wieder in Filmen gehört. Trotz dieser Infoveranstaltung wurde mir dieses Thema nicht greifbar genug. Meine Abiturprüfungen lagen noch viel zu weit weg, als dass ich mir jetzt auch noch Gedanken machen wollte zum Studium oder gar zur dessen Finanzierung. Dementsprechend war ich etwas sprachlos, als gerade ich kurz vor dem Ende meiner Schulzeit von meinen Lehrern vorgeschlagen wurde.

Warum ich? Was ist überhaupt ein Stipendium? Wieso hört man so wenig darüber? Ich bin doch gar nicht evangelisch? Es gibt doch auch Mitschülerinnen und Mitschüler, die bessere Noten schreiben als ich?

Diese Fragen sind durch meinen Kopf gegangen. Ich habe keine Eltern, die mir vorab diese Fragen beantworten konnten. Ich stamme aus einer alevitisch-kurdischen Familie und meine Eltern sind vor circa 30 Jahren aus dem Südosten der Türkei nach Deutschland ausgewandert. Denn dort hatten sie keine positiven Zukunftsperspektiven. Sie lebten in finanziell prekären Verhältnissen und mussten dementsprechend schon nach der Grundschule die Schule wieder verlassen, um ihren Familien behilflich zu sein: Kinderarbeit.

Jahrelang mussten sie sich für ihre ethnische als auch religiöse Identität schämen und sie verleugnen. Auf beiden Ebenen gehörte meine Familie zu der großen Minderheit, welche seit Jahrzehnten verfolgt und diskriminiert wird. Kein Mensch verlässt freiwillig seine Heimat, doch meine Eltern taten dies - nicht für sich, sondern für mich und meine beiden Geschwister. Damit wir in einem Land geboren werden, in dem Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Religionsfreiheit herrschen. Das macht mich als Sohn sehr stolz und ich werde ihnen dafür auch immer dankbar sein. Trotzdem ist mein Weg und der von vielen jungen Menschen, die ähnliche Geschichten zu erzählen haben, nicht leicht.

Unsere Lebenssituation ist geprägt von Mehrsprachigkeit, Multikulturalismus und der Zugehörigkeit zur sozialen Unterschicht. Häufig tragen wir eine hohe Verantwortung für unser großes Umfeld: Wir helfen unseren Verwandten, Bekannten und Nachbarn bei bürokratischen Tätigkeiten. Wir übersetzen in Gesprächsterminen für die "neuen Flüchtlinge". Wir erhalten von unseren Eltern keine wertvollen Tipps und Tricks für unseren Bildungs- oder Karriereweg, da sie selbst diesen Weg nicht gehen konnten. Und dann sollen wir den Mut finden, uns für ein Stipendium zu bewerben? Vielleicht gerade deswegen. Jeder Mensch hat Potenziale. In bestimmten Gesellschaftsschichten sind sie nur schwerer zu erkennen - aber sie sind da.

Das Evangelische Studienwerk trägt das Wort "evangelisch" im Namen und wird auch von der Evangelischen Kirche gefördert. Das bedeutet aber nicht, dass ausschließlich fromme Kirchenmitglieder gefördert werden. Es werden Menschen gesucht, die sich mit den evangelisch-christlichen Werten identifizieren können. Das sind ganz unterschiedliche Menschen, die allein sowie gemeinsam den Mut finden können, auf politischer, sozialer, gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Ebene ihre Stimmen zu erheben, wenn unsere Demokratie gefährdet ist. Und mit "unserer Demokratie" ist nicht Demokratie für eine bestimmte Personengruppe gemeint. Sondern Demokratie für alle, jederzeit und überall.

Ich musste vorgeschlagen werden, um auf das Stipendium vom Evangelischen Studienwerk aufmerksam zu werden. Ich wünsche mir, dass alle jungen Menschen, insbesondere die aus den sogenannten Arbeiterfamilien, mit Migrationshintergrund oder anderen Herausforderungen den Mut finden, an sich selbst zu glauben. Ich wünsche mir, dass sie auf die Fragen, die ich mir gestellt habe und anfangs nicht beantworten konnte, selbst Antworten zu finden versuchen.

Das Stipendium bietet finanziell als auch ideell viele Förderungsmöglichkeiten und Zugang zu einem interdisziplinären Austausch mit anderen Stipendiaten über alle möglichen Themen und Sachgebiete. Es ist ein schönes Gefühl, ein Fach zu studieren, das mich interessiert. Wichtig und spannend ist es jedoch auch, das gesammelte Wissen mit anderen Menschen zu teilen und von ihnen wiederum neue Perspektiven auf die eventuell gleichen Dinge zu gewinnen. Denn nur so kann man menschlich weiter wachsen und sich eine differenzierte, tiefgründige und ausgeglichene Meinung bilden. Darüber hinaus kann ein vom Evangelischen Studienwerk gefördertes Auslandssemester zu weiteren neuen Erfahrungen führen und die Persönlichkeit noch einmal entfalten und stärken.

Die Mischung macht es aus. Oft liegt die optimale Lösung irgendwo dazwischen. Dazwischen, so wie mein Leben und das Leben vieler weiterer junger Menschen.

Yagmur Özkan und Christian Serrer demonstrieren hervorragend, dass Stipendiatinnen und Stipendiaten des Studienförderwerks Klaus Murmann der sdw und der Begabtenförderwerke der Gesellschaft viel zurückgeben, indem sie Verantwortung übernehmen.

Was die Gezi-Proteste in der Türkei mit dem Klimawandel zu tun haben? Nun, jedes Ereignis für sich treibt Yagmur Özkan und Christian Serrer persönlich so stark um, dass sie gar nicht anders können, als sich für ihre Anliegen einzusetzen und dafür viel Freizeit zu opfern. Auch wenn sie unterschiedliche Methoden gewählt haben, so verbindet sie doch der Wunsch, gesellschaftliche Verbesserungen voranzutreiben.

In der ‚Fridays for Future'-Bewegung drückt sich das Bedürfnis der jungen Generation danach aus, dass die Politik dem Klimawandel schneller und effektiver entgegensteuert. Christian Serrer sieht das auch so. Damit die Allgemeinheit die Dringlichkeit von Veränderungen wie der Energiewende versteht, möchte er möglichst viele Menschen über die wissenschaftlich gesicherten Ursachen und Folgen des Klimawandels informieren. Dafür hat der Corporate Management & Economics-Student mit einem Kommilitonen von der Zeppelin Universität Friedrichshafen ungezählte Stunden damit verbracht, Berge an wissenschaftlichen Publikationen zum Klimawandel zu wälzen und für die Allgemeinheit anschaulich und verständlich aufzubereiten. Eine Mammutrecherche, die gut anderthalb Jahre in Anspruch nahm, bevor sie in "Kleine Gase - große Wirkung" reich illustriert in Buchform gegossen werden konnte.

"Wer verstehen will, warum es die Energiewende benötigt, muss das Problem des Klimawandels verstehen und diese >>Aufklärungsarbeit<< wollen wir mit unserem Buch übernehmen."


Hier gelangt ihr zu den anderen Einblicken des Monats:

Juli 2019: Yagmur Özkan und Christian Serrer, Stiftung der deutschen Wirtschaft (SDW)

Juni: Mit einem Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung in Deutschland studieren. Ein Erfahrungsbericht von US-Amerikanerin Alex Swanson

Mai 2019: Arsdeep Kaur, Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung

April 2019: Desiree Maier: Köchin - Abi - Archäologie

März 2019: Henning Dirks, Stipendiat der Studienstiftung

Februar 2019: Banu Çiçek Tülü, Heinrich-Böll-Stiftung

Januar: Michael Klipphahn, Promotionsstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit seit September 2016. KUNSTGESCHICHTE, HfBK Hamburg

Dezember 2018: New York, New York - Mit dem RLS-Promotionskolleg in der Stadt, die niemals schläft. Ein Bericht von Sarah

November 2018: Schritt für Schritt über sich selbst hinauswachsen!

Oktober 2018: Aus dem Nähkästchen

September 2018: Ein Studienwerk, das einer zweiten Familie gleicht (ELES) 

August 2018: Gregor Christiansmeyer, Stipendiat des Cusanuswerks

Juli 2018: Evangelisches Studienwerk Villigst Ein Bericht von Bernhard Nemerth, Stipendiat des Evangelischen Studienwerks

Juni 2018: Ehrenamtlich bei der Feuerwehr: Porträt unseres Stipendiaten Benedikt Schinzel von der Hochschule Furtwangen 

Mai 2018: "Ein Stipendium ist ein Privileg" Ein Beitrag von Deborah Manavi

April 2018: Beitrag von Delara Burkhardt, Friedrich-Ebert-Stiftung

März 2018: Raus aus dem Betrieb - rein in die Welt

Februar 2018: Ein Porträt der Stipendiatin der Studienstiftung Silke Seibold 

Januar 2018: „Mein Kompass: Respekt, Solidarität und Toleranz!“ von Alexander Marx, Heinrich-Böll-Stiftung 

Dezember 2017: Jana Mittelstädt, Promotionsstipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit seit Juli 2016 

November 2017: Bericht von Silvia: (Un)mögliche Bildung(swege)? Nichts ist unmöglich!

Oktober 2017: Werte verbinden von Markus Hadwiger

September 2017: Alumni 1.0 – Ein Einblick in das Leben danach

August 2017: ELES – ein Ort für Machloket (Streitbarkeit)

Juli 2017: "Puzzlestücke – Wie aus einem Forschungsprojekt in der Mongolei Lebensphilosophie wurde"

Juni 2017: "Bewirb dich! - auch wenn es große Hürden zu geben scheint!"

Mai 2017: "Eine Millionen mal praktische Hilfe für Geflüchtete"

April 2017: "Ein Blick über den Tellerrand"

März 2017: "Deswegen ist es gut, FES-Stipendiat_in zu sein"

Februar 2017: "Ich studiere" klang für mich ähnlich utopisch wie "Ich fliege zum Mars".

Januar 2017: "Als Botschafter setze ich mich für mehr Chancengleichheit in der Bildung ein."

Dezember 2016: „Ein vielfältiges Netzwerk aufbauen“

November 2016: „Ich wollte mich ausprobieren“

Oktober 2016: Bericht von Amina & Corinna

September 2016: Dankbarkeit – ein Bericht von Andreas Wüst

August 2016: Vom Willkommen Heißen zum Ankommen Helfen - Das Flüchtlingslotsenprojekt „Unsere Zukunft. Mit Dir!“

Juli 2016: Denkraum und Diskursmaschine 

Juni 2016: Bericht von Lucas Uhlig

Mai 2016: Als Erster in der Familie studieren? Klar, mit einem Stipendium!

April 2016: Den Geflüchteten ein Gesicht geben

März 2016: Bericht von Franziska Pflaum

Februar 2016: Einblick des Monats

Januar 2016: Einblick des Monats

Dezember 2015: 90 Jahre, 90 Köpfe

November 2015: Große und kleine Transformationen 

Oktober 2015: Universität für Flüchtlinge

September 2015: Vereinbarkeit von Studium, Ehrenamt und Familie dank der Unterstützung durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung

August 2015: DAS JOURNALISTISCHE FÖRDERPROGRAMM DER HANNS-SEIDEL-STIFTUNG 

Juli 2015: Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen.  Eine Perspektive zweier Stipendiatinnen des Avicenna-Studienwerks 

Juni 2015: Chen Jerusalem, Alumnus des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks über sein Studium und seine Abschlussarbeit „Cover the Body with Feelings“ 

Mai 2015: Erstes Absolventenkonzert mit Stipendiatinnen und Stipendiaten aus der Musikerförderung des Cusanuswerks

April 2015: Mitbestimmen und über den Tellerrand schauen — das Evangelische Studienwerk ermöglicht neue Perspektiven

März 2015: Den Gründergeist schon während des Studiums entdeckt

Februar 2015: Bericht von Ronny Zimmermann, Stipendiat der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung

Januar 2015: Das FES-Bildungsprogramm von und für Stipendiat_innen 

Dezember 2014: Begabtenförderung der Friedrich-Naumann-Stiftung

November 2014: STUDIENSTIFTUNG ZEICHNET BESONDERES ENGAGEMENT AUS: MAXIMILIAN OEHL ERHÄLT DEN „WEITER?GEBEN!“-PREIS 2015

September 2014: Mein Weg zur Hans-Böckler-Stiftung und die Förderung der Stiftung

August 2014: Materielle und ideelle Ermöglichung zum Andersdenken mit einem Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Juli 2014: Kleine Klassen, echte Profis als Lehrer

Juni 2014: WEITER HORIZONT, ENGE GRENZEN? – Austausch ohne Grenzen in offenes Netzwerk als Teil der „Villigster Gemeinschaft“

Mai 2014: Bericht von Nina Schießl (Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk) 

April 2014: Aufbrechen zu neuen Zielen. Mit den Begabtenförderwerken in die Welt. (Bericht von Maria Dillmann, Cusanuswerk)

März 2014: muslimisch – talentiert – engagiert. Avicenna-Studienwerk startet mit der ersten Bewerbungsphase

Februar 2014: "Bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft kommen Studierende aus allen Fachrichtungen zusammen"

Januar 2014: Studieren und Promovieren mit einem Kind oder – man mag es kaum glauben - sogar mehreren Kindern? (Bericht von Helen Schmitt-Lohmann und Laura Solzbacher, Konrad-Adenauer-Stiftung)

Dezember 2013: Ein Tag aus meinem Leben als Stipi von Tina Jung, Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung

November 2013: Abschlussbericht von Olivia Güthling, Altstipendiatin der Friedrich Naumann-Stiftung

 

Avicenna Studienwerk
Cusanuswerk e.V.
Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk
Evangelisches Studienwerk e.V. Villigst
Friedrich-Ebert-Stiftung
Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit
Hans Böckler Stiftung
Hanns Seidel Stiftung
Heinrich Böll Stiftung
Konrad Adenauer Stiftung
Rosa Luxemburg Stiftung
Stiftung der deutschen Wirtschaft
Studienstiftung des deutschen Volkes