Stipendium Plus
© Heidi Scherm. Quelle: sdw
© Heidi Scherm. Quelle: sdw

Einblick des Monats Februar 2020

Victoria Adouvi, Stipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

 

Ich bin eine junge, aufgeschlossene und liberal denkende Frau und derzeit promoviere ich am Fachbereich Rechtswissenschaft der J.W. Goethe-Universität Frankfurt. In meiner Dissertation geht es primär um das Thema des sozialen Unternehmertums und seiner Finanzierungsmöglichkeiten. Neben der Promotion schaue ich gerne „über Tellerrand hinaus“ und absolviere beispielsweise eine Weiterbildung an der European Academy of Diplomacy und arbeite nebenbei als Fitness Trainerin. Als die wichtigsten Leitmotive meines persönlichen sowie beruflichen Werdegangs betrachte ich die Freiheit und Selbstbestimmung, sodass ich mich sehr freue, dass meine Promotion durch die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF) gefördert wird. Diese unterstützt mich nicht nur finanziell, sondern wurde durch das breite Angebot an Aktivitäten und ihr stipendiatisches Netzwerk auch zum festen Bestandteil meines Lebens und trug maßgeblich zu meinem Erfolg und persönlicher Entwicklung in den letzten Jahren bei. 

Meine akademische Laufbahn in Deutschland begann vor etwa zehn Jahren, als ich von meiner Heimat Slowakei nach Deutschland mit nichts mehr außer dem Wunsch kam, etwas in meinem Leben zu erreichen. Damals schien mir bereits der Traum von einem Studienabschluss kaum realisierbar, geschweige denn eine Promotion. Wie viele andere junge Menschen, die nach Deutschland zum Studium kommen, musste ich mit verschiedenen Problemen kämpfen und mich erstmal allein finanzieren. Durch viel Fleiß ist es mir gelungen, das juristische Studium im Jahr 2015 mit Prädikat abzuschließen. Dieses unerwartete Ergebnis führte zu meiner Entscheidung für die Promotion und auf der Suche nach einem Stipendium standen für mich vorrangig finanzielle Aspekte im Vordergrund. In dieser Zeit konnte ich noch nicht ahnen, in welche Richtung sich mein Leben entwickeln wird, als ich nach Einreichung meiner Bewerbung einen positiven Bescheid von der FNF in den Händen hielt. 

Nach fünf Jahren mühsamer und anstrengender Arbeit bedeutete das Stipendium für mich erstmal mehr Freiraum für mich und ich nutzte diesen als eine Phase der Selbstfindung. Aufgrund meines internationalen Hintergrunds und meines Interesses für internationale und gesellschaftliche Fragestellungen habe ich beispielsweise zusätzlich Internationales Recht (Magister Juris Internationalis) und Romanische Literatur- und Kulturwissenschaft (Master of Arts) studiert. Da ich ein spanisches Abitur habe und bereits in mehreren lateinamerikanischen Ländern gearbeitet habe, lag in beiden Studiengängen mein Schwerpunkt auf Lateinamerika; in meiner Magisterarbeit untersuchte ich den Friedensprozess in Kolumbien und in meiner Masterarbeit beschäftigte ich mich mit der zeitgenössischen kubanischen Filmkunst. Dank dieser Richtung engagierte ich mich ehrenamtlich in der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung (ADLAF) und wurde als Sprecherin der Nachwuchsgruppe dieses Vereins gewählt. Dabei wurde ich weiterhin von der Stiftung unterstützt und im Rahmen der stipendiatischen Eigeninitiative durfte ich mich an der Organisation einer gemeinsamen Veranstaltung der ADLAF und der FNF mit dem Titel „Soziale Bewegungen und ihre Medien in Lateinamerika“ beteiligen. Neben der Realisierung wissenschaftlichen Projekte wurde mir klar, dass ich auch gesellschaftlich etwas zurückgeben muss und die dank des Stipendiums gewonnene Zeit nutzte ich, um mich ehrenamtlich als Mentorin in einem Willkommensprogramm für Flüchtlinge an der J.W. Goethe-Universität zu engagieren und jungen Menschen in einer schwierigen Lebenslage eine Perspektive aufzuzeigen. 

Wie meine Persönlichkeit reifte mit der Zeit auch mein Promotionsvorhaben und so habe ich mein Thema mehrfach angepasst, bis ich endlich zufrieden war und für meine Dissertation starke Leidenschaft entwickeln konnte. Im Rahmen meiner Promotion untersuche ich die Frage, ob marktorientierte Lösungsansätze grundsätzlich geeignet sind, zur Lösung der diversen sozialen und ökologischen Probleme der heutigen Gesellschaft beizutragen. Die Marktwirtschaft geriet während der Finanz- und Wirtschaftskrise zunehmen in der Kritik der Öffentlichkeit und aus der Politik, wissenschaftlichen Kreisen und weiten Teilen der Zivilgesellschaft sind Stimmen zu hören, welche das Marktsystem und sein Streben nach Gewinnmaximierung für soziale Ungerechtigkeit und Zerstörung unseres Planeten verantwortlich machen. Somit gewinnt die Frage nach einer optimalen Gestaltung eines gerechten und gleichzeitig effektiven Wirtschaftssystems gewann immer mehr an Bedeutung. 

Einen Versuch zur Vereinigung der wirtschaftlichen Freiheit mit sozialen Aspekten stellte das Konzept der sozialen Marktwirtschaft dar, doch diese für die Nachkriegszeit konzipierte Wirtschaftsordnung scheint heute nur wenig zur Lösung der brennendsten sozialen und ökologischen Probleme beitragen zu können. In meiner Dissertation wird die Ansicht vertreten, dass das größte Versäumnis der sozialen Marktwirtschaft die Missachtung der enormen sowohl wirtschaftlichen als auch gesellschaftlichen Rolle der Unternehmen betrachtet werden kann, da diese zweifelsohne zu den wichtigsten Marktteilnehmern gehören. Aus diesem Grund stellt ihre Integration in die die Wirtschaftsordnung der sozialen Marktwirtschaft einen notwendigen Schritt der Modernisierung. Insbesondere das soziale Unternehmertum hat ein großes Potential, welches bei gleichzeitiger Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen durch den Staat und ausreichende Finanzierungsmöglichkeiten positive soziale Wirkungen erzielen kann. Aus diesem Grund untersuche ich den Rechtsrahmen für soziales Unternehmertum in der EU und Ziel meiner Doktorarbeit, welche voraussichtlich in diesem Jahr beendet wird, ist die Erarbeitung konkreter Vorschläge auf der Ebene der Legislative. 

Meine bisherigen Leistungen und mein persönlicher Werdegang wurden vor kurzem mit dem Preis „Herausragende Persönlichkeit mit Migrationshintergrund“ durch den Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt gewürdigt. Dieser bestätigte mich darin, dass es sich lohnt, an der Verwirklichung meiner Träume zu arbeiten und die Freiheit als einen im Zusammenhang mit der Selbstverantwortung stehenden Begriff zu verstehen. Nach drei Jahren als Stipendiatin der FNF geht nun mein Förderungszeitraum zu Ende, doch das bestehende Netzwerk mit Menschen, die für mich wie zum Teil meiner Familie wurden und mich auf meinem Weg begleitet haben, bleibt bestehen und ich bin sehr dankbar, dass ich dank des Stipendiums eine echte Chance bekommen habe, sowohl akademisch als auch persönlich zu wachsen. Nun fühle ich mich bereit, die neuen Herausforderungen, welche auf mich nach der Beendigung meiner Promotion warten, anzunehmen und freue mich schon auf die neuen Erfahrungen auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben. 


Hier gelangt ihr zu den anderen Einblicken des Monats:

Januar 2020: 20 Jahre Studienwerk RLS – 20 Jahre Kampf für die Bildungsgerechtigkeit- rebellisch- links- solidarisch

Dezember 2019: Anna Axtner-Borsutzky, Stipendiatin der Hanns-Seidel-Stiftung

November 2019: Zeynep Aydin, Stipendiatin des Avicenna-Studienwerk e.V.

Oktober 2019: Alissa Frenkel, Stipendiatin des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES)

September 2019: Carolin Schlüter, Stipendiatin des Cusanuswerks

August 2019: Pircivan Kalik, Stipendiat des Evangelischen Studienwerks Villigst: Die Mischung macht es aus

Juli 2019: Yagmur Özkan und Christian Serrer, Stiftung der deutschen Wirtschaft (SDW)

Juni: Mit einem Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung in Deutschland studieren. Ein Erfahrungsbericht von US-Amerikanerin Alex Swanson

Mai 2019: Arsdeep Kaur, Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung

April 2019: Desiree Maier: Köchin - Abi - Archäologie

März 2019: Henning Dirks, Stipendiat der Studienstiftung

Februar 2019: Banu Çiçek Tülü, Heinrich-Böll-Stiftung

Januar: Michael Klipphahn, Promotionsstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit seit September 2016. KUNSTGESCHICHTE, HfBK Hamburg

Dezember 2018: New York, New York - Mit dem RLS-Promotionskolleg in der Stadt, die niemals schläft. Ein Bericht von Sarah

November 2018: Schritt für Schritt über sich selbst hinauswachsen!

Oktober 2018: Aus dem Nähkästchen

September 2018: Ein Studienwerk, das einer zweiten Familie gleicht (ELES) 

August 2018: Gregor Christiansmeyer, Stipendiat des Cusanuswerks

Juli 2018: Evangelisches Studienwerk Villigst Ein Bericht von Bernhard Nemerth, Stipendiat des Evangelischen Studienwerks

Juni 2018: Ehrenamtlich bei der Feuerwehr: Porträt unseres Stipendiaten Benedikt Schinzel von der Hochschule Furtwangen 

Mai 2018: "Ein Stipendium ist ein Privileg" Ein Beitrag von Deborah Manavi

April 2018: Beitrag von Delara Burkhardt, Friedrich-Ebert-Stiftung

März 2018: Raus aus dem Betrieb - rein in die Welt

Februar 2018: Ein Porträt der Stipendiatin der Studienstiftung Silke Seibold 

Januar 2018: „Mein Kompass: Respekt, Solidarität und Toleranz!“ von Alexander Marx, Heinrich-Böll-Stiftung 

Dezember 2017: Jana Mittelstädt, Promotionsstipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit seit Juli 2016 

November 2017: Bericht von Silvia: (Un)mögliche Bildung(swege)? Nichts ist unmöglich!

Oktober 2017: Werte verbinden von Markus Hadwiger

September 2017: Alumni 1.0 – Ein Einblick in das Leben danach

August 2017: ELES – ein Ort für Machloket (Streitbarkeit)

Juli 2017: "Puzzlestücke – Wie aus einem Forschungsprojekt in der Mongolei Lebensphilosophie wurde"

Juni 2017: "Bewirb dich! - auch wenn es große Hürden zu geben scheint!"

Mai 2017: "Eine Millionen mal praktische Hilfe für Geflüchtete"

April 2017: "Ein Blick über den Tellerrand"

März 2017: "Deswegen ist es gut, FES-Stipendiat_in zu sein"

Februar 2017: "Ich studiere" klang für mich ähnlich utopisch wie "Ich fliege zum Mars".

Januar 2017: "Als Botschafter setze ich mich für mehr Chancengleichheit in der Bildung ein."

Dezember 2016: „Ein vielfältiges Netzwerk aufbauen“

November 2016: „Ich wollte mich ausprobieren“

Oktober 2016: Bericht von Amina & Corinna

September 2016: Dankbarkeit – ein Bericht von Andreas Wüst

August 2016: Vom Willkommen Heißen zum Ankommen Helfen - Das Flüchtlingslotsenprojekt „Unsere Zukunft. Mit Dir!“

Juli 2016: Denkraum und Diskursmaschine 

Juni 2016: Bericht von Lucas Uhlig

Mai 2016: Als Erster in der Familie studieren? Klar, mit einem Stipendium!

April 2016: Den Geflüchteten ein Gesicht geben

März 2016: Bericht von Franziska Pflaum

Februar 2016: Einblick des Monats

Januar 2016: Einblick des Monats

Dezember 2015: 90 Jahre, 90 Köpfe

November 2015: Große und kleine Transformationen 

Oktober 2015: Universität für Flüchtlinge

September 2015: Vereinbarkeit von Studium, Ehrenamt und Familie dank der Unterstützung durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung

August 2015: DAS JOURNALISTISCHE FÖRDERPROGRAMM DER HANNS-SEIDEL-STIFTUNG 

Juli 2015: Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen.  Eine Perspektive zweier Stipendiatinnen des Avicenna-Studienwerks 

Juni 2015: Chen Jerusalem, Alumnus des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks über sein Studium und seine Abschlussarbeit „Cover the Body with Feelings“ 

Mai 2015: Erstes Absolventenkonzert mit Stipendiatinnen und Stipendiaten aus der Musikerförderung des Cusanuswerks

April 2015: Mitbestimmen und über den Tellerrand schauen — das Evangelische Studienwerk ermöglicht neue Perspektiven

März 2015: Den Gründergeist schon während des Studiums entdeckt

Februar 2015: Bericht von Ronny Zimmermann, Stipendiat der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung

Januar 2015: Das FES-Bildungsprogramm von und für Stipendiat_innen 

Dezember 2014: Begabtenförderung der Friedrich-Naumann-Stiftung

November 2014: STUDIENSTIFTUNG ZEICHNET BESONDERES ENGAGEMENT AUS: MAXIMILIAN OEHL ERHÄLT DEN „WEITER?GEBEN!“-PREIS 2015

September 2014: Mein Weg zur Hans-Böckler-Stiftung und die Förderung der Stiftung

August 2014: Materielle und ideelle Ermöglichung zum Andersdenken mit einem Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Juli 2014: Kleine Klassen, echte Profis als Lehrer

Juni 2014: WEITER HORIZONT, ENGE GRENZEN? – Austausch ohne Grenzen in offenes Netzwerk als Teil der „Villigster Gemeinschaft“

Mai 2014: Bericht von Nina Schießl (Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk) 

April 2014: Aufbrechen zu neuen Zielen. Mit den Begabtenförderwerken in die Welt. (Bericht von Maria Dillmann, Cusanuswerk)

März 2014: muslimisch – talentiert – engagiert. Avicenna-Studienwerk startet mit der ersten Bewerbungsphase

Februar 2014: "Bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft kommen Studierende aus allen Fachrichtungen zusammen"

Januar 2014: Studieren und Promovieren mit einem Kind oder – man mag es kaum glauben - sogar mehreren Kindern? (Bericht von Helen Schmitt-Lohmann und Laura Solzbacher, Konrad-Adenauer-Stiftung)

Dezember 2013: Ein Tag aus meinem Leben als Stipi von Tina Jung, Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung

November 2013: Abschlussbericht von Olivia Güthling, Altstipendiatin der Friedrich Naumann-Stiftung

 

Avicenna Studienwerk
Cusanuswerk e.V.
Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk
Evangelisches Studienwerk e.V. Villigst
Friedrich-Ebert-Stiftung
Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit
Hans Böckler Stiftung
Hanns Seidel Stiftung
Heinrich Böll Stiftung
Rosa Luxemburg Stiftung
Stiftung der deutschen Wirtschaft
Studienstiftung des deutschen Volkes