Stipendium Plus
© Heidi Scherm. Quelle: sdw
© Heidi Scherm. Quelle: sdw

Einblick des Monats Juli 2018

Evangelisches Studienwerk Villigst

Ein Bericht von Bernhard Nemerth, Stipendiat des Evangelischen Studienwerks

Stipendien bekommen nur Elitestudentinnen und -studenten und Stipendien bedeuten in erster Linie Geld - Dieses Bild haben viele im Kopf, wenn sie an ein Stipendium denken. Mir ging es nicht anders. Es stört mich, dass sich viele deshalb nicht trauen, sich auf ein Stipendium zu bewerben. Ich möchte dich dazu ermutigen, es trotzdem zu tun. Ich selbst studiere mittlerweile im vierten Semester Rechtswissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen und bin jetzt im zweiten Fördersemester in Villigst.

Selbst wäre ich wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen, mich zu bewerben. Aber in meinem Abiturzeugnis, das ich mir erst nach ca. einem Jahr genauer ansah, entdeckte ich ziemlich weit unten eine Empfehlung sich für ein Stipendium des Evangelischen Studienwerks zu bewerben. Jetzt musste alles sehr schnell gehen, da die Bewerbungsfrist in einer Woche endete. Also setzte ich mich mit meiner ehemaligen Schule, einer kooperativen evangelischen Gesamtschule in Nürnberg, in Verbindung um mein Gutachten noch fristgerecht abzugeben. Auch das benötigte zweite Gutachten wurde in kürzester Zeit geschrieben und eingesendet; nebenbei gesagt war es ein gutes Gefühl, dass mich so viele Menschen bei meiner Bewerbung unterstützten.

Dennoch war ich sehr skeptisch, da ich keinen 1,0-Schnitt hatte und mir auch nicht sicher war, ob ich mich - noch dazu im Rollstuhl sitzend - überhaupt für ein Stipendium bewerben konnte. Nachdem ich mich über Villigst übers Internet schlau machte, fand ich heraus, dass dort soziale Kompetenz und ehrenamtliches Engagement genauso eine Rolle spielten. Mir hat es immer Spaß gemacht anderen Menschen zu helfen; dies hört sich vielleicht komisch an für jemanden der selbst auf fremde Hilfe angewiesen ist, aber ich habe früher Nachhilfe gegeben und im Kampfsportverein meiner Brüder bei Events geholfen, indem ich Fotos und Videos gemacht und bearbeitet habe.

Und ich wurde tatsächlich in Villigst aufgenommen und fühle mich dort von Anfang an wohl. Meine Behinderung spielt hier keine Rolle; jeder wird hier so angenommen wie er ist. Als Rollstuhlfahrer wird man, aus meiner Erfahrung, von Seiten seiner Mitmenschen anders wahrgenommen - manchmal sehr "schräg" - im positiven wie auch im negativen Sinn (darüber könnte ich ganze Bücher füllen). Ich hatte die Hoffnung, dass die Leute in Villigst anders miteinander umgehen und diese Hoffnung hat sich von Anfang an bestätigt.

Ich kann mich noch genau an die Einführungswoche erinnern. Beim Abendessen haben wir uns verquatscht und sind länger sitzen geblieben, als wir sollten. Als wir dann doch gehen mussten, haben alle dabei geholfen, das Geschirr wegzubringen und die Stühle zu richten. Alle achten aufeinander und auch auf solche Kleinigkeiten. Deshalb habe ich in Villigst auch das Gefühl, dass die Behinderung gar nicht stört, weil alle hilfsbereit sind und gerne helfen. Mir ist es noch nie passiert, vor einer Tür zu stehen und nicht reinzukommen.

Aber es gibt natürlich viele tolle Leistungen für Villigst-Stipendiatinnen und Stipendiaten. Villigst eignet sich zum Beispiel sehr gut für Leute, die gerne ins Ausland möchten. Dieses Angebot kann ich nicht nutzen, aber auch für mich gibt es viele gute Angebote, zum Beispiel die Sommeruniversität und die Delegiertenkonferenzen in Villigst, an denen ich regelmäßig teilnehme.

Die finanzielle Unterstützung ist für mich auch wichtig, da ich spezielle Software wie Sprachprogramme benötige und viele Lerninhalte digital benutze. Ohne Villigst wäre es schwer, das zu finanzieren.

Aber das Bild, dass es nur um Geld geht und nur Elitestudentinnen und -studenten ein Stipendium bekommen, ist falsch. Ich kann nur jedem empfehlen, es wenigstens zu versuchen. Meinen Bruder habe ich auch dazu überredet. Er hat es versucht und ist beim ersten Mal nicht genommen worden, aber er versucht es sicher noch einmal, denn ihr könnt euch auch zwei Mal bewerben. Also es lohnt sich!


Hier gelangt ihr zu den anderen Einblicken des Monats:

Juni 2018: Ehrenamtlich bei der Feuerwehr: Porträt unseres Stipendiaten Benedikt Schinzel von der Hochschule Furtwangen 

Mai 2018: "Ein Stipendium ist ein Privileg" Ein Beitrag von Deborah Manavi

April 2018: Beitrag von Delara Burkhardt, Friedrich-Ebert-Stiftung

März 2018: Raus aus dem Betrieb - rein in die Welt

Februar 2018: Ein Porträt unserer Stipendiatin Silke Seibold 

Januar 2018: „Mein Kompass: Respekt, Solidarität und Toleranz!“ von Alexander Marx, Heinrich-Böll-Stiftung 

Dezember 2017: Jana Mittelstädt, Promotionsstipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit seit Juli 2016 

November 2017: Bericht von Silvia: (Un)mögliche Bildung(swege)? Nichts ist unmöglich!

Oktober 2017: Werte verbinden von Markus Hadwiger

September 2017: Alumni 1.0 – Ein Einblick in das Leben danach

August 2017: ELES – ein Ort für Machloket (Streitbarkeit)

Juli 2017: "Puzzlestücke – Wie aus einem Forschungsprojekt in der Mongolei Lebensphilosophie wurde"

Juni 2017: "Bewirb dich! - auch wenn es große Hürden zu geben scheint!"

Mai 2017: "Eine Millionen mal praktische Hilfe für Geflüchtete"

April 2017: "Ein Blick über den Tellerrand"

März 2017: "Deswegen ist es gut, FES-Stipendiat_in zu sein"

Februar 2017: "Ich studiere" klang für mich ähnlich utopisch wie "Ich fliege zum Mars".

Januar 2017: "Als Botschafter setze ich mich für mehr Chancengleichheit in der Bildung ein."

Dezember 2016: „Ein vielfältiges Netzwerk aufbauen“

November 2016: „Ich wollte mich ausprobieren“

Oktober 2016: Bericht von Amina & Corinna

September 2016: Dankbarkeit – ein Bericht von Andreas Wüst

August 2016: Vom Willkommen Heißen zum Ankommen Helfen - Das Flüchtlingslotsenprojekt „Unsere Zukunft. Mit Dir!“

Juli 2016: Denkraum und Diskursmaschine 

Juni 2016: Bericht von Lucas Uhlig

Mai 2016: Als Erster in der Familie studieren? Klar, mit einem Stipendium!

April 2016: Den Geflüchteten ein Gesicht geben

März 2016: Bericht von Franziska Pflaum

Februar 2016: Einblick des Monats

Januar 2016: Einblick des Monats

Dezember 2015: 90 Jahre, 90 Köpfe

November 2015: Große und kleine Transformationen 

Oktober 2015: Universität für Flüchtlinge

September 2015: Vereinbarkeit von Studium, Ehrenamt und Familie dank der Unterstützung durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung

August 2015: DAS JOURNALISTISCHE FÖRDERPROGRAMM DER HANNS-SEIDEL-STIFTUNG 

Juli 2015: Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen.  Eine Perspektive zweier Stipendiatinnen des Avicenna-Studienwerks 

Juni 2015: Chen Jerusalem, Alumnus des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks über sein Studium und seine Abschlussarbeit „Cover the Body with Feelings“ 

Mai 2015: Erstes Absolventenkonzert mit Stipendiatinnen und Stipendiaten aus der Musikerförderung des Cusanuswerks

April 2015: Mitbestimmen und über den Tellerrand schauen — das Evangelische Studienwerk ermöglicht neue Perspektiven

März 2015: Den Gründergeist schon während des Studiums entdeckt

Februar 2015: Bericht von Ronny Zimmermann, Stipendiat der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung

Januar 2015: Das FES-Bildungsprogramm von und für Stipendiat_innen 

Dezember 2014: Begabtenförderung der Friedrich-Naumann-Stiftung

November 2014: STUDIENSTIFTUNG ZEICHNET BESONDERES ENGAGEMENT AUS: MAXIMILIAN OEHL ERHÄLT DEN „WEITER?GEBEN!“-PREIS 2015

September 2014: Mein Weg zur Hans-Böckler-Stiftung und die Förderung der Stiftung

August 2014: Materielle und ideelle Ermöglichung zum Andersdenken mit einem Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Juli 2014: Kleine Klassen, echte Profis als Lehrer

Juni 2014: WEITER HORIZONT, ENGE GRENZEN? – Austausch ohne Grenzen in offenes Netzwerk als Teil der „Villigster Gemeinschaft“

Mai 2014: Bericht von Nina Schießl (Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk) 

April 2014: Aufbrechen zu neuen Zielen. Mit den Begabtenförderwerken in die Welt. (Bericht von Maria Dillmann, Cusanuswerk)

März 2014: muslimisch – talentiert – engagiert. Avicenna-Studienwerk startet mit der ersten Bewerbungsphase

Februar 2014: "Bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft kommen Studierende aus allen Fachrichtungen zusammen"

Januar 2014: Studieren und Promovieren mit einem Kind oder – man mag es kaum glauben - sogar mehreren Kindern? (Bericht von Helen Schmitt-Lohmann und Laura Solzbacher, Konrad-Adenauer-Stiftung)

Dezember 2013: Ein Tag aus meinem Leben als Stipi von Tina Jung, Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung

November 2013: Abschlussbericht von Olivia Güthling, Altstipendiatin der Friedrich Naumann-Stiftung

 

 

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